Vor 135 Jahren haben bergbegeisterte Pforzheimer beschlossen eine eigene Sektion zu gründen. Zu dieser Zeit lautete noch der Name „Deutscher und Österreichischer Alpenverein“. So ist auch die Mitgliedskarte von Dr. Walter Witzenmann aus dem Jahr 1919 ausgestellt. Er war mit über 70 Jahren der längste Vorsitzende der Sektion. Bei der Gründung vor 135 Jahren wollte man die Begeisterung für das Bergsteigen in der Region Pforzheim wecken und die Erschließung der Alpen fördern, gleichzeitig aber auch die Jugend einbinden. Mit großer Zielstrebigkeit ging die Gemeinschaft ans Werk um die Pläne für ein Berghaus in einem touristisch noch nicht erschlossenen Gebiet umzusetzen. Dieses fand sich am Schlinigpass in der Sesvennagruppe, dem Grenzkamm zwischen Südtirol und der Schweiz. Von Schlinig aus stiegen zur Einweihung am 20. August 1901 Emil und Adolf Witzenmann mit Gemeinderatsmitgliedern zum ersten Berghaus der Sektion. Bis zum Kriegsausbruch 1914 fanden hier 3.500 Bergwanderer und Bergsteiger eine beliebte Anlaufstelle und Nachtlager für ihre Touren. Mit dem Friedensvertrag 1919 in St. Germain ging das Haus verloren und so musste sich die Sektion wieder auf die Suche nach einem neuen geeigneten Platz für eine zweite Hütte umschauen.
Mit seinem Onkel Adolf Witzenmann, einem bekannten Bergsteiger, der manche Erstbesteigungen in den Dolomiten durchführte, besichtigte der langjährige Vorsitzende Dr. Walter Witzenmann 1924 als Sechszehnjähriger den Bauplatz für das neue Berghaus im Gleierschtal in den Stubaier Alpen. Zuvor mussten die beiden Wanderer von Ötz im Ötztal 1.200 Höhenmeter bei 16 Kilometer Fußmarsch hinauf nach Kühtai bewältigen. Nach der Übernachtung in der Dortmunder Hütte ging es am nächsten Tag zu Fuß über St. Sigmund hinein in das bis dahin unberührte Gleierschtal. Hoch über dem Gleierschbach auf einem alten Moränenrücken auf 2308 Metern Höhe entstand dann in den Jahren 1925 und 1926 das zweite Pforzheimer Berghaus. 25 Jahre nach der Einweihung des ersten Berghauses erfolgte so am 5. September 1926 unter großer Beteiligung mit einer Bergmesse, die der Prior Dietrich von St. Wilten in Innsbruck hielt, die Weihe des zweiten Hauses.
Dass die Pforzheimer Hütte ein Geheimtipp unter Kennern ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Das Haus im stillen Winkel des hinteren Gleierschtal hat in der Regel den Ausgangspunkt St. Sigmund im Sellraintal. Aus kleinen Anfängen hat sich die Hütte in den 100 Jahren des Bestehens zu einem stattlichen Haus entwickelt. Ein Kranz von Bergen, die sommers wie winters eine Fülle lohnender Touren bietet, liegen rings um das Berghaus und führen bis auf 3008 Metern zur Schöntalspitze. Abseits vom Massentourismus bietet die Region rund um das Berghaus ein winterliches Dorado für Skibergsteiger und im Sommer findet der naturliebende Bergfreund eine Oase der Ruhe. 1967/68 erfolgte ein erster größerer Umbau und danach investierte die Sektion nochmals gewaltige Summen, um dem Haus das heutige Aussehen einer gastlichen Bergsteigerunterkunft zu geben und sich gleichzeitig auf die Klimaveränderung einzustellen.
In der langen Zeit war das dauerhafteste Pächterpaar Helene und Lampert Winkler, die knapp 25 Jahre die Hütte bewirtschafteten. Das Berghaus erhielt auch den Namen Adolf-Witzenmann-Haus, das an den großen Bergsteiger der Familie erinnern sollte nachdem auch ein Berg die „Cima Witzenmann“ in den Sextener Dolomiten benannt ist. Die längste Zeit betreute auch Fritz Kast als Hüttenwart das Berghaus. Auch er war ein bekannter Bergsteiger der Sektion und nach ihm ist auch eine Route an den Battertfelsen bei Baden – Baden benannt.
Ein Gipfelbuch, das bis zum Kriegsbeginn des zweiten Weltkrieges geführt wurde, hält spannende Besteigungen und teilweise lustige Geschichten im Umfeld des Berghauses fest. 1959 übernachtete ich erstmals auf dem Berghaus bei einer Tour von Lüsenz über die Lampsenspitze auf dem Weg in das Sulztal nach Gries, meiner Bergheimat seit mehr als 65 Jahre.
Autor: Rolf Constantin
Fotos: Rolf Constantin